Der Mensch und sein Hund
Aktualisiert: vor 2 Stunden
Über die ungebrochene Sehnsucht nach einem Hund, gesellschaftliche Unsicherheit und unser widersprüchliches Verhältnis zur Natur.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht Anfragen von Menschen erreichen, die sich einen Welpen wünschen. Das Interesse am Dansk-Svensk Gårdshund ist groß. Offenbar sind nach wie vor viele Menschen bereit, für das Zusammenleben mit einem Hund erhebliche finanzielle und persönliche Verpflichtungen auf sich zu nehmen.
Eigentlich hatte ich etwas anderes erwartet.
Wir leben schließlich in wirtschaftlich und gesellschaftlich schwierigen Zeiten. Kriege bestimmen das Weltgeschehen, demokratische Institutionen stehen unter Druck, politische Entwicklungen erscheinen immer weniger vorhersehbar. Steigende Lebenshaltungskosten und die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz verändern unseren Alltag. Vieles, was uns lange selbstverständlich erschien, ist heute infrage gestellt.
Auch die Hundehaltung ist längst kein preiswertes Vergnügen mehr. Ein verantwortungsvoll gezüchteter Welpe hat seinen Preis. Tierarztbehandlungen, Futter, Versicherungen und die laufende Versorgung kosten Geld. Wer sich heute für einen Hund entscheidet, übernimmt nicht nur Verantwortung für ein Lebewesen, sondern auch eine finanzielle Verpflichtung über viele Jahre.
Ich hätte deshalb angenommen, dass sich diese Entwicklung auch bei der Nachfrage nach Welpen bemerkbar macht.
Doch zumindest in meiner eigenen Zucht erlebe ich das Gegenteil. Die Anfragen reißen nicht ab.
Natürlich lässt sich daraus kein allgemeiner Trend für die Hundezucht ableiten. Aber meine Beobachtung hat mich nachdenklich gemacht.
Warum ist die Sehnsucht nach einem Hund offenbar so ungebrochen? Warum wünschen sich Menschen in einer Zeit, in der so vieles unsicher geworden ist, ein weiteres Lebewesen in ihrer Familie, das Geld, Zeit, Aufmerksamkeit und Verantwortung verlangt?
Vielleicht ist die gesellschaftliche Unsicherheit nicht nur ein Argument GEGEN die Anschaffung eines Hundes. Vielleicht trägt sie unter bestimmten Umständen sogar dazu bei, dass Menschen sich umso mehr nach einer solchen Beziehung sehnen.
Nach Verlässlichkeit, Nähe und Geborgenheit. Nach einem Gegenüber, das nicht nach gesellschaftlichem Status, beruflichem Erfolg oder materiellen Möglichkeiten fragt. Nach einer Beziehung, die unmittelbar ist und nicht von den großen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen bestimmt wird.
Dass Hunde solche Bedürfnisse erfüllen können, ist keineswegs nur eine romantische Vorstellung.
Der Hund als emotionaler Anker in einer unsicheren Welt
Bereits 2011 untersuchten die amerikanischen Psychologen um Allen McConnell in drei Studien die positiven Auswirkungen der Haustierhaltung auf das menschliche Wohlbefinden.
Die Ergebnisse zeigten, dass Haustiere eine wichtige Quelle sozialer Unterstützung sein können. Sie können das Gefühl von Zugehörigkeit stärken und helfen, negative emotionale Erfahrungen abzumildern.
Eine aufschlussreiche Gelegenheit, die Bedeutung gesellschaftlicher Krisen für den Wunsch nach einem Hund zu untersuchen, bot die Coronapandemie: Wissenschaftler des Royal Veterinary College in Großbritannien untersuchten 2021 die Motive von Menschen, die während der Pandemie einen Welpen angeschafft hatten. Von 4.369 befragten Welpenkäufern aus dem Jahr 2020 erklärten etwa 40 Prozent, dass die Pandemie ihre Entscheidung beeinflusst habe. Mehr als jeder Zehnte hatte vor der Pandemie überhaupt nicht geplant, sich einen Welpen anzuschaffen.
Die Untersuchung zeigt damit, dass gesellschaftliche Ausnahmesituationen Kaufentscheidungen beeinflussen können.
Dass Hunde einen positiven Einfluss auf unsere körperliche und psychische Gesundheit haben können, ist inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen beschrieben worden:
Die Psychologin Deborah Wells fasste bereits 2007 die damaligen Forschungsergebnisse zusammen und zeigte, dass Hunde sowohl für die körperliche Gesundheit als auch für das psychische Wohlbefinden von Bedeutung sein können.
Neuere Untersuchungen liefern dafür auch physiologische Erklärungen. Eine systematische Übersichtsarbeit von der australischen Psychologin Jillian T. Teo und drei weiteren Forschenden der University of Wollongong.aus dem Jahr 2022 fand Hinweise darauf, dass die Interaktion mit Hunden Stress reduzieren kann. Dabei wurden unter anderem niedrigere Cortisolwerte, eine erhöhte Herzratenvariabilität und Veränderungen des Bindungshormons Oxytocin beobachtet. Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass der Kontakt zu Hunden Entspannung und emotionale Verbundenheit fördern kann.
Wie wichtig Tiere gerade unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen werden können, zeigen Untersuchungen aus dem Krieg in der Ukraine.
Eine Untersuchung ukrainischer Familien während des russischen Angriffskrieges zeigte ebenfalls, welche Bedeutung Tiere in existenziellen Krisen bekommen können. Nach Angaben der befragten Eltern wirkte die Anwesenheit der Haustiere auf 56 Prozent der Kinder beruhigend. Auch ein Teil der Erwachsenen berichtete, dass die Tiere ihr emotionales Wohlbefinden verbesserten.
Hunde können uns also weit mehr geben als Gesellschaft. Sie können emotionale Nähe vermitteln, Stressreaktionen abmildern, Bewegung und Alltagsstruktur fördern und uns das Gefühl geben, mit einem anderen Lebewesen verbunden zu sein.
Ob gesellschaftliche Krisen tatsächlich generell zu einer höheren Nachfrage nach Hunden führen, ist damit noch nicht bewiesen. Aber die Forschung zeigt, warum eine solche Beziehung gerade in belastenden Lebenssituationen als besonders wertvoll empfunden werden kann.
Ich glaube, dass die Sehnsucht nach emotionaler Nähe allein nicht erklärt, warum wir uns so stark zu Hunden hingezogen fühlen.
Vielleicht steckt dahinter etwas viel Grundsätzlicheres: unsere Beziehung zur Natur.
„Man darf nicht vergessen, dass wir mit Hunden – wie mit Säugetieren allgemein – unser gesamtes soziales Gehirn teilen. Wir teilen die Grundemotionen mit ihnen. Wir schauen zwar anders aus, wir sind aber doch sehr ähnlich“ (Kurt Kotrschal)
Biophilie – die Sehnsucht nach dem Lebendigen
Der Wunsch, ein Tier zu halten, entspringt einem uralten Grundmotiv – nämlich der Sehnsucht des Kulturmenschen nach dem verlorenen Paradies.“ (Konrad Lorenz)
1984 veröffentlichte der amerikanische Biologe Edward O. Wilson sein Buch Biophilia.
Darin entwickelte er die Hypothese, dass der Mensch aufgrund seiner evolutionären Geschichte eine grundlegende Hinwendung zur Natur und zu anderen Lebewesen besitzt. Der Begriff Biophilie bedeutet sinngemäß die Liebe zum Lebendigen. Wilson ging davon aus, dass sich der Mensch über seine gesamte Entwicklungsgeschichte in enger Abhängigkeit von der natürlichen Umwelt entwickelt hat.
„Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis, mit anderen Tieren zu leben. Alle Kinder dieser Welt kommen mit einem starken Interesse an Tieren zur Welt. Manche Leute leben das, andere nicht.“ (Kurt Kotrschal)
Eine angeborene Hinwendung zu anderen Lebewesen bedeutet allerdings keineswegs, dass wir deren Verhalten automatisch richtig verstehen.
Wir können eine tiefe Sehnsucht nach der Nähe von Tieren besitzen, ohne deshalb einen selbstverständlichen Umgang mit ihnen zu beherrschen.
Und vielleicht liegt genau hier ein wesentlicher Widerspruch unserer modernen Hundehaltung.
Der Hund nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Seit Jahrtausenden lebt er an der Seite des Menschen. Er ist ein domestiziertes Tier, das sich in vielerlei Hinsicht an unsere soziale Lebenswelt angepasst hat. Gleichzeitig besitzt er eine eigene biologische Ausstattung, eine andere Sinneswahrnehmung und Bedürfnisse, die sich nicht vollständig aus unseren menschlichen Vorstellungen ableiten lassen.
Der Hund verbindet uns mit einer lebendigen Welt, die wir in unserem zunehmend technisierten Alltag möglicherweise immer seltener unmittelbar erfahren.
Extinction of Experience – wenn uns die Natur fremd wird
2016 veröffentlichten die Ökologen Masashi Soga und Kevin Gaston eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit mit dem Titel Extinction of Experience: The Loss of Human–Nature Interactions.
Darin beschäftigen sie sich mit dem schleichenden Verlust unmittelbarer Naturerfahrungen.
In modernen Gesellschaften verbringen viele Menschen einen großen Teil ihres Lebens in künstlich gestalteten, technisierten und digitalisierten Umgebungen. Direkte Begegnungen mit natürlichen Lebensräumen und wild lebenden Tieren sind nicht mehr für jeden selbstverständlicher Bestandteil des Alltags.
Die Autoren beschreiben, welche Folgen ein solcher Rückgang von Naturkontakten haben kann: für das Wohlbefinden, für das Verhältnis zur natürlichen Umwelt und für die Bereitschaft, sich mit Natur zu beschäftigen und sie zu schützen.
Wer Natur immer seltener erlebt, entwickelt unter Umständen auch weniger Interesse daran, sie aufzusuchen. Dadurch können wiederum weitere Gelegenheiten für unmittelbare Naturerfahrungen verloren gehen.
Natur wird dann zunehmend zu etwas, das wir bewusst suchen: am Wochenende, im Urlaub, beim Waldspaziergang oder eben gemeinsam mit unserem Hund.
Sie ist nicht mehr unbedingt selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens, sondern wird zum Ort der Erholung, der Sehnsucht und des Rückzugs.
Dabei vergessen wir möglicherweise etwas Wesentliches.
Natur ist nicht ausschließlich schön, friedlich und erholsam.
Sie ist auch unberechenbar, schmutzig, laut, manchmal gefährlich und lässt sich nicht vollständig nach unseren Vorstellungen gestalten.
Hier sehe ich eine bemerkenswerte Verbindung zu unserer Beziehung zum Hund.
Die Forschung zur Extinction of Experience belegt nicht, dass Menschen aufgrund mangelnder Naturerfahrung schlechter mit Hunden umgehen. Dieser direkte Zusammenhang wurde bisher nicht ausreichend untersucht.
Aber sie eröffnet eine interessante Frage:
Kann es sein, dass wir zwar unsere emotionale Verbundenheit mit Tieren bewahrt haben, gleichzeitig aber einen Teil der praktischen Erfahrung verlieren, die für ein selbstverständliches Zusammenleben mit ihnen notwendig ist?
Hunde sind für viele Menschen heute Familienmitglieder, Freunde, emotionale Partner und eine wichtige Quelle von Geborgenheit.
Ihre Bedeutung wird längst nicht mehr ausschließlich durch eine bestimmte Aufgabe definiert. Sie müssen keinen Hof bewachen, keine Schafe hüten und kein Wild aufspüren, um einen festen Platz in unserem Leben zu besitzen. Der Hund wird nicht allein danach beurteilt, welchen Nutzen er für den Menschen erfüllt.
Doch vielleicht hat diese neue emotionale Bedeutung auch eine andere Seite.
Denn ein Hund ist nun einmal kein Mensch.
Er besitzt seine eigene Wahrnehmung, seine eigenen Bedürfnisse und Verhaltensweisen, die sich aus seiner Domestikation, seiner individuellen Entwicklung, seinen Erfahrungen und seiner genetischen Veranlagung ergeben.
Er möchte seine Umwelt erkunden, Gerüche verfolgen, jagen, sich bewegen, spielen, lernen, Sozialkontakte gestalten, hat einen Sexualtrieb und manchmal will er auch einfach seine Ruhe haben.
Wir suchen im Hund die Nähe zur Natur, möchten aber gleichzeitig, dass sich diese Natur möglichst reibungslos in unser durchorganisiertes Leben einfügt.
Der Hund soll lebendig, ursprünglich und individuell sein – aber möglichst nicht stören. Er soll selbstständig sein, aber möglichst keine eigenen Entscheidungen treffen, die uns nicht gefallen. Er soll uns aus unserem Alltag herausholen, darf diesen Alltag aber möglichst nicht durcheinanderbringen. Wir wünschen uns einen emotionalen Partner, erwarten aber manchmal, dass seine Bedürfnisse hinter unseren zurückstehen.
Das ist natürlich zugespitzt. Keineswegs jeder Hundehalter denkt oder handelt so.
Aber vielleicht steckt in diesem Widerspruch ein Teil der Erklärung dafür, warum manche Mensch-Hund-Beziehungen schwierig werden.
Wenn Liebe nicht ausreicht, um den Hund zu verstehen
"Hunde lesen die menschliche Mimik und Körpersprache und können sich danach richten. Sie wissen ganz genau, wie wir gestimmt sind und richten sich danach. Darin sind Hunde unter Umständen besser als umgekehrt der Mensch. Viele Hundehalter sind nicht unbedingt gut darin, ihre Hunde zu lesen“, (Kurt Kotrschal)
Dass emotionale Nähe nicht automatisch bedeutet, tierisches Verhalten richtig interpretieren zu können, ist wissenschaftlich untersucht worden. 2018 veröffentlichten Kerstin Meints, Victoria Brelsford und Tiny De Keuster eine Studie über die Fähigkeit von Kindern und Erwachsenen, die Körpersprache von Hunden zu verstehen. Die Forscherinnen untersuchten insbesondere, ob Menschen Stresssignale von Hunden erkennen und richtig einordnen können.
Dabei zeigte sich, dass diese Fähigkeit nicht gut entwickelt war , jedoch sowohl Kinder als auch Erwachsene von gezielter Schulung profitierten. Nach dem Training konnten sie die Signale der Hunde besser verstehen.
Die Sprache des Hundes verstehen wir nicht durch bloße Zuneigung oder das antrainierte Funktionieren auf dem Hundeplatz. Einen Hund wirklich zu lesen bedeutet nicht, ihn technisch gefügig zu machen, sondern seine Biologie und Signale als eigenständiges Gegenüber zu begreifen.
Vielleicht ist das eine der größten Herausforderungen unserer Beziehung zu Hunden. Wir entwickeln intensive emotionale Bindungen, interpretieren das Verhalten unserer Hunde aber mitunter aus unserer eigenen menschlichen Perspektive.
Der Hund sucht Abstand – und wir empfinden das möglicherweise als Zurückweisung. Er möchte nicht umarmt werden – und wir verstehen nicht, weshalb er unsere Zuneigung nicht erwidert. Er folgt einer interessanten Geruchsspur – und wir halten ihn für ungehorsam.
Dabei muss keines dieser Verhaltensweisen ein Problem des Hundes darstellen.
Es liegt an unserer Interpretation.
In der Wissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von Anthropomorphismus, also der Übertragung menschlicher Eigenschaften, Gefühle und Absichten auf Tiere.
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Mota-Rojas und Kollegen aus dem Jahr 2021 beschäftigt sich mit den möglichen Auswirkungen dieser Vermenschlichung auf das Wohlergehen von Haustieren. Die Autoren beschreiben dabei durchaus positive Aspekte. Menschliche Zuschreibungen können Empathie und Fürsorge fördern.
Sie können aber auch negative Folgen haben, wenn menschliche Vorstellungen mit den tatsächlichen Bedürfnissen des Tieres kollidieren. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir unsere Hunde als Familienmitglieder betrachten dürfen.
Sondern ob wir dabei noch ausreichend berücksichtigen, dass sie keine Menschen sind.
Wenn Erwartungen und Wirklichkeit auseinanderfallen
Als Züchter erlebt man immer wieder, wie viele Hoffnungen mit der Anschaffung eines Welpen verbunden sind.
Da ist die Vorstellung von gemeinsamen Spaziergängen, einem treuen Begleiter, von Nähe, Lebensfreude und einem harmonischen Familienleben.
Und dann kommt der Welpe.
Er schläft vielleicht nicht durch, muss erst stubenrein werden, entdeckt seine Umwelt mit den Zähnen, ist wild und braucht Aufmerksamkeit, Geduld, Anleitung und Zeit. Später entwickelt er möglicherweise Verhaltensweisen, mit denen seine Besitzer nicht gerechnet haben. (Aggression)
Eine 2020 veröffentlichte Langzeitstudie von Esther Bouma, Lonneke Vink und Arie Dijkstra untersuchte die Erwartungen von 183 Menschen vor der Anschaffung eines Hundes und ihre Erfahrungen im weiteren Zusammenleben. Vor dem Hundekauf stellt man es sich oft anders vor, als es später im Alltag tatsächlich ist.
Die Forscher haben Menschen vor und nach dem Hundekauf befragt und zwei wichtige Dinge herausgefunden:
Die Erwartungen ändern sich: Wie man das Leben mit Hund sieht, wandelt sich im Laufe der Zeit durch den echten Alltag.
Anfänger sind keine unverbesserlichen Optimisten: Man könnte denken, dass Menschen, die noch nie einen Hund hatten, alles durch die rosarote Brille sehen. Das stimmt aber nicht. Viele Anfänger sind sogar besonders vorsichtig und unterschätzen die Aufgaben nicht.
Die Untersuchung macht dennoch deutlich, dass die Vorstellungen von einer Mensch-Hund-Beziehung und die tatsächlichen Erfahrungen nicht zwangsläufig übereinstimmen.
Noch aufschlussreicher finde ich eine dänische Untersuchung aus dem Jahr 2020.
Wissenschaftler analysierten die dokumentierten Gründe für die Abgabe von 3.204 Hunden an ein großes Tierheim zwischen 1996 und 2017.
Bei etwa 75 Prozent der Hundeabgaben standen Gründe im Vordergrund, die mit den Lebensumständen der Halter zusammenhingen.
Gesundheitliche Probleme der Besitzer, Veränderungen der Wohnsituation und Zeitmangel spielten eine wichtige Rolle. Bei 23 Prozent wurden Verhaltensprobleme des Hundes als hauptsächlicher Abgabegrund genannt.
Die Untersuchung macht deutlich, dass wir die Ursachen einer gescheiterten Mensch-Hund-Beziehung nicht ausschließlich beim Hund suchen dürfen.
Hier schließt sich für mich der Kreis zur Naturentfremdung.
Vielleicht unterschätzen wir zunehmend, was es tatsächlich bedeutet, mit einem Tier zusammenzuleben?
Nicht unbedingt, weil wir weniger über Hunde wissen.
Noch nie standen uns so viele Informationen über Erziehung, Verhalten, Gesundheit und Ernährung zur Verfügung. Wir können unzählige Bücher über Hunde lesen, Videos ansehen und Hundetrainern in sozialen Medien folgen.
Aber Wissen und praktische Erfahrung sind zwei unterschiedliche Dinge.
Die Fähigkeit, ein Lebewesen aufmerksam zu beobachten, seine Signale zu verstehen, angemessen zu reagieren und auch eine unerwartete Situation auszuhalten, entsteht nicht allein durch theoretisches Wissen.
Sie entwickelt sich im tatsächlichen Zusammenleben.
Es geht um die Frage, ob wir die Erkenntnisse moderner Wissenschaft mit einem erfahrungsgeleiteten, unverkrampften Umgang mit Tieren verbinden können ?
Vielleicht müssen wir wieder lernen, den Hund als Hund zu sehen
Wenn ich heute mit Menschen spreche, die sich einen Welpen wünschen, frage ich mich deshalb nicht ausschließlich, ob sie genügend Zeit, Platz und die finanziellen Möglichkeiten für einen Hund besitzen.
Mich interessiert zunehmend auch, welche Erwartungen sie an diese Beziehung knüpfen.
Was wünschen sie sich von ihrem Hund? Welche Rolle soll er in ihrem Leben übernehmen? Suchen sie einen Begleiter, einen Freund, ein Familienmitglied, vielleicht auch Trost, Sicherheit oder einen Ausgleich zu einer zunehmend unübersichtlichen Welt?
All diese Wünsche sind verständlich.
Doch je stärker wir den Hund zum Träger unserer eigenen Sehnsüchte machen, desto wichtiger wird die Frage, ob wir ihm gleichzeitig das Recht zugestehen, ein eigenständiges Lebewesen zu sein?
Für uns Züchter, Trainer und Tierärzte bedeutet das, dass wir uns nicht nur mit den Eigenschaften und Bedürfnissen der Hunde beschäftigen sollten.
Wir müssen uns ebenso mit den Menschen auseinandersetzen, die mit ihnen leben möchten.
Vielleicht besteht verantwortliche Hundezucht deshalb nicht allein darin, gesunde, gut sozialisierte und auf ihr späteres Leben vorbereitete Welpen aufzuziehen.
Sie beginnt auch damit, Menschen ein realistisches Verständnis davon zu vermitteln, was es bedeutet, mit einem Hund zusammenzuleben.
Denn eine gute Mensch-Hund-Beziehung entsteht nicht dadurch, dass der Hund möglichst vollständig unseren Erwartungen entspricht.
Sie entsteht dort, wo wir bereit sind, unsere Erwartungen an seine Bedürfnisse anzupassen.
Literaturverzeichnis
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