Die Sache mit der gesunden Hundezucht
- vor 16 Stunden
- 7 Min. Lesezeit
Wenn die Tiermedizin streitet, was bedeutet das für uns Züchter?
„Wissenschaft ist kein Baukasten fertiger Wahrheiten, sondern ein kontinuierlicher Prozess: Sie stellt Fragen, sucht nach Antworten, überprüft Annahmen – und revidiert sich selbst. Gerade deshalb eignet sie sich nicht für einfache Rezepte.“
Dr. Marie Nitzschner, Wissenschaftliche Leitung KynoLogisch gGmbH
Sie haben die kontroversen Diskussionen um die Hundezucht und den Vorwurf der Qualzucht sicher verfolgt. Mit der Weiterentwicklung des § 11b Tierschutzgesetz stellt sich zunehmend die Frage, wie genetische Befunde künftig rechtlich bewertet werden. Über diese Auslegung entscheiden letztlich die zuständigen Veterinärbehörden im Rahmen des Gesetzesvollzugs. Genau an diesem Punkt hat sich eine Debatte entfacht unter den Medizinern, die weit reichende Konsequenzen für die Zucht haben wird.
Mich trifft das persönlich. Einer meiner Rüden wurde heterozygot positiv auf CDDY getestet. CDDY (Chondrodystrophie) ist eine genetische Variante, die das Knochen- und Knorpelwachstum beeinflusst und bei einigen Hunderassen das Risiko für Bandscheibenerkrankungen erhöhen kann (s. Dackel). Ihre tatsächliche Bedeutung ist jedoch rasseabhängig und nicht allein durch den Gentest zu beurteilen. Mein Rüde zeigt phänotypisch keine Anzeichen. Er ist ein sportlicher Dansk-Svensk Gårdshund, 40 Zentimeter groß. Zudem ist er orthopädisch unauffällig, ohne klinische Auffälligkeiten und ohne Hinweise auf Bandscheibenprobleme im Röntgenbild.

Plötzlich stand für mich eine Frage im Raum, die vermutlich viele verantwortungsvolle Züchter kennen:
Was bedeutet ein genetischer Befund eigentlich wirklich?
Ist ein positives Testergebnis automatisch ein Zucht-Ausschlusskriterium? Oder muss Wissenschaft mehr leisten, als Gene lediglich nachzuweisen?
Ich wollte keine Meinung lesen.
Ich wollte verstehen.
Also begann ich, wissenschaftliche Veröffentlichungen zu lesen. Ich arbeitete mich durch Zuchtstrategien, Fachartikel, Stellungnahmen und Leitlinien. Dankenswerterweise beantwortete Prof. Dr. Dannika Bannasch von der University of California Davis sogar persönlich einige meiner Fragen.
Je tiefer ich mich einarbeitete, desto deutlicher wurde mir, wie komplex dieses Thema tatsächlich ist. Wissenschaftliche Daten, juristische Bewertungen, Zuchtstrategien und politische Forderungen greifen ineinander – und nicht selten gelangen Fachleute auf derselben Datenbasis zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen.
Vor allem aber wurde mir eines klar:
Die Diskussion dreht sich längst nicht mehr nur um CDDY.
Sie entscheidet darüber, wie wir künftig verantwortungsvolle Rassehundezucht verstehen.
CDDY – mehr als nur ein Gentest
CDDY (Chondrodystrophie) ist eine genetische Variante, die insbesondere bei stark chondrodystrophen Rassen – etwa dem Dackel – mit einem erhöhten Risiko für Bandscheibenerkrankungen verbunden sein kann.
Beim Dansk-Svensk Gårdshund stellt sich die Situation nach der derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Datenlage jedoch deutlich differenzierter dar.
Das CDDY-Allel kommt innerhalb der Population vergleichsweise häufig vor. Gleichzeitig verweist die rassespezifische Zuchtstrategie (RAS) des Svenska Kennelklubben ausdrücklich darauf, dass Versicherungsdaten bislang kein erhöhtes Risiko für Bandscheibenvorfälle beim Dansk-Svensk Gårdshund erkennen lassen.
Auch die häufig zitierte Studie der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Dannika Bannasch zeigt, wie vorsichtig wissenschaftliche Ergebnisse interpretiert werden müssen.
In der Untersuchung wurden sechs Dansk-Svensk Gårdshunde betrachtet – fünf klinisch gesunde Hunde und ein Hund mit Bandscheibenvorfall. Sowohl der erkrankte Hund als auch einer der klinisch gesunden Hunde trugen jeweils eine Kopie des CDDY-Allels.
Allein daraus lässt sich für diese Rasse keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten.
Genau deshalb empfiehlt der Svenska Kennelklubben keinen generellen Ausschluss von CDDY-Trägern aus der Zucht.
Empfohlen wird vielmehr die Verpaarung mit genetisch freien Partnern sowie die Untersuchung der Nachkommen. Ziel ist es, das betreffende Allel langfristig zu reduzieren, ohne gleichzeitig wertvolle genetische Vielfalt zu verlieren.
Genau hier beginnt der eigentliche Konflikt in Deutschland
Während ich weiter las und beobachtete, stieß ich auf zwei Veröffentlichungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Auf der einen Seite steht die Taskforce Gesunde Hundezucht.
Ein interdisziplinärer Zusammenschluss aus Genetikern, Tierärzten und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen.
Ihr Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie Züchtern und Tierärzten als Entscheidungshilfe dienen können.
Die Grundidee gefällt mir.
Wissenschaft soll keine einfachen Patentrezepte liefern.
Sie soll helfen, gute Entscheidungen zu treffen.
Gerade dort, wo es keine einfachen Antworten gibt.
Im Mittelpunkt der TGH Leitlinie „CDDY/CDPA – Genetische Varianten verantwortungsvoll in der Hundezucht berücksichtigen“ steht deshalb nicht das einzelne Gen. Im Mittelpunkt steht die Population.
Die Kernaussage lautet:
Gesundheit entsteht nicht dadurch, möglichst viele genetische Träger aus der Zucht auszuschließen. Gesundheit entsteht dadurch, genetische Risiken verantwortungsvoll zu steuern und gleichzeitig die genetische Vielfalt einer Population zu erhalten.
Genau dieser populationsgenetische Ansatz bildet seit vielen Jahren die Grundlage moderner Erhaltungszucht.
Doch genau an diesem Punkt beginnt der eigentliche Konflikt.
Dem populationsgenetischen Ansatz widerspricht der Offene Brief an die Bundestierärztekammer, veröffentlicht unter Federführung von Prof. Dr. Achim Gruber und unterstützt von zahlreichen Fachtierärzten sowie Vertretern des öffentlichen Veterinärwesens.
Die Autoren warnen ausdrücklich davor, den Empfehlungen der Taskforce Modellcharakter für weitere Hunderassen zuzuschreiben.
Sie halten den populationsgenetischen Ansatz nicht für eine geeignete Grundlage zukünftiger Zuchtempfehlungen und sehen darin erhebliche Probleme für den zukünftigen Vollzug des § 11b Tierschutzgesetzes. Hier wird deutlich:
Die Diskussion dreht sich nicht darum, ob Hunde gesund sein sollen.
Beide Seiten verfolgen dieses Ziel.
Der Unterschied liegt im Weg dorthin.
Die Taskforce betrachtet Gesundheit populationsgenetisch.
Der Offene Brief bewertet dieselbe Fragestellung vor allem aus Sicht des Tierschutzrechts und des behördlichen Vollzugs.
Für mich ist genau das der eigentliche Kern der gesamten Debatte.
Es geht längst nicht mehr nur um CDDY.
Es geht um die Frage, welchen Stellenwert wissenschaftlich fundierte Populationsgenetik künftig noch in der Rassehundezucht haben wird.
Warum mich diese Entwicklung nachdenklich macht
Kaum eine Hunderasse ist frei von genetischen Belastungen.
Fast jede Population trägt rezessive Erbanlagen oder genetische Varianten, die mit bestimmten Erkrankungen in Zusammenhang stehen.
Viele dieser Varianten führen niemals zu einer Erkrankung.
Andere besitzen lediglich eine geringe Penetranz.
Wieder andere haben – wie CDDY – je nach Rasse eine völlig unterschiedliche klinische Bedeutung.
Genau deshalb ist Populationsgenetik so wichtig.
Sie betrachtet nicht einzelne Gene isoliert.
Sie betrachtet die gesamte Population.
Denn jedes Zuchtprogramm verändert den Genpool einer Rasse.
Interessant fand ich auch einen Artikel von Dr. rer. nat. Heike Diekmann auf der Internetseite der Gesellschaft zur Förderung Kynologischer Forschung e. V. (GKF) .
Ausgangspunkt ihres Beitrags ist das Nederlandse Kooikerhondje, dessen kleiner Genpool seit vielen Jahren eine besonders sorgfältige populationsgenetische Zuchtstrategie erfordert.
Anschließend beschreibt sie anhand eines einfachen Gedankenexperiments etwas, das vermutlich jeder verstehen kann.
Sie konstruiert zwei fiktive Gene.
Das erste beeinflusst die Aktivität eines Leberenzyms.
Das zweite enthält eine rezessive Mutation, die eine Erbkrankheit verursachen kann.
Nun stellt sie eine scheinbar einfache Frage:
Warum schließen wir nicht einfach alle Träger dieser Mutation aus der Zucht aus?
Die Antwort überrascht.
In ihrem Beispiel werden die krankheitsverursachenden Allele zufällig gemeinsam mit den leistungsfähigsten Varianten des Leberenzym-Gens vererbt.
Wer sämtliche Träger ausschließt, entfernt deshalb nicht nur die Mutation.
Er entfernt gleichzeitig auch die genetisch wertvollsten Varianten des Leberenzym-Gens.
Der Anteil homozygoter Kombinationen steigt deutlich.
Die genetische Vielfalt sinkt.
Die Population verliert Eigenschaften, deren Bedeutung man vorher gar nicht im Blick hatte.
Genau darin liegt die eigentliche Botschaft dieses Beispiels.
Gene wirken niemals isoliert.
Wer einzelne Allele aus einer Population entfernt, verändert immer auch viele andere genetische Eigenschaften.
Populationsgenetik bedeutet deshalb nicht, Erbkrankheiten zu akzeptieren.
Populationsgenetik bedeutet, Krankheiten zu bekämpfen, ohne dabei die genetischen Voraussetzungen für eine langfristig gesunde Population zu zerstören.
FAZIT für heute
Die Mediziner streiten sich. Verbote stehen im Raum. Ich merke, daß ich einen wesentlich liberaleren, dadurch aber auch langsameren Ansatz verfolge. Ich halte nichts von Verboten.
Wer nur die Produktion reguliert, aber nicht auch Kauf/Import, bekommt Verlagerungseffekte. Siehe Beispiel Niederlande (Seit 2019 gelten dort strenge Zuchtauflagen für kurzköpfige Rassen (Mops, Französische Bulldogge, Shih Tzu u. a.) –Weil sich viele Menschen die Hunde weiterhin in Nachbarländern kaufen, wollte der niederländische Landwirtschaftsminister künftig sogar die Haltung dieser Tiere verbieten – die Regulierung musste also nachgebessert werden, weil die Nachfrage einfach über die Grenze auswich.)
Ich plädiere weiterhin für mehr Aufklärung und Transparenz beim Kauf, Werbe und Plattformregeln, Tierarztkosten sichtbar machen, bessere Ausbildung bei Züchtern. Züchten ist Expertenwissen und sollte wie ein Beruf einer Ausbildung unterliegen.
Die Käuferschaft nicht zu vergessen. Ja Sie liebe Leser ! Hand aufs Herz, wie sehr interessieren Sie sich für Zucht ?
Das Thema ist komplex und viele verschiedene Akteure sind involviert, aber letztlich wird es eindeutig von der Nachfrage gesteuert: Was der Verbraucher will, wird auch produziert. Daher wird die nachhaltigste Veränderung voraussichtlich dadurch erreicht, dass das Bewusstsein geschärft und die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt wird, keine Hunde von Rassen mit extremen erblichen Merkmalen und/oder genetischen Störungen zu kaufen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Tiergesundheits- und Tierschutzproblemen führen.
Sie tragen also mit Ihrem Verhalten wesentlich zur Diskussion bei.
Was meinen Rüden mit CDDY betrifft werde ich den Ansatz verfolgen, den die Populationsgenetik mir vorgibt.
Ich freue mich jeden Tag über meine süssen Hunde, die gesund und munter meine besten Alltagsbegleiter sind. Ich bin ja noch ein Jungzüchter und deshalb ist meine Nachzucht noch nicht so alt. Der älteste Wurf ist jetzt 9 Jahre alt. Ich habe keine ernsthafte Erkrankungen in den Tieren. Die können in voller Gesundheit ihr Leben geniessen, sitzen auch nicht im Tierheim, sondern haben liebevolle Besitzer gefunden. Mit der Freude über diese Beobachtung schliesse ich für heute.
Danke für Ihr Interesse!
Hier für die die weiter lesen wollen, die wichtigsten Fachpublikationen von Prof. Dr. Danika Bannasch (UC Davis) zu CDDY, chronologisch:
1. Die Originalentdeckung (Schlüsselarbeit):Brown, E.A., Dickinson, P.J., Mansour, T. et al., Bannasch, D.L. (2017): "FGF4 retrogene on CFA12 is responsible for chondrodystrophy and intervertebral disc disease in dogs". PNAS, 114(43), 11476–11481. Diese Arbeit identifiziert eine FGF4-Retrogen-Insertion auf Chromosom 12, das zweite bislang beim Hund berichtete FGF4-Retrogen, als Ursache für Chondrodystrophie und intervertebrale Bandscheibenerkrankung (IVDD). Das Retrogen korreliert sowohl mit der Beinlänge als auch mit einer Odds Ratio von 51,23 für IVDD-Risiko – das ist die Studie, auf die sich auch das schwedische Rasseclub-Dokument zum DSG bezieht.
2. Vertiefende Genotyp-Phänotyp-Studie:Batcher, K., Dickinson, P., Giuffrida, M., Sturges, B., Vernau, K., Knipe, M., Rasouliha, S.H., Drögemüller, C., Leeb, T., Maciejczyk, K., Jenkins, C.A., Mellersh, C., Bannasch, D. (2019): "Phenotypic Effects of FGF4 Retrogenes on Intervertebral Disc Disease in Dogs". Genes, 10, 435. Diese Studie untersuchte die Allelfrequenzen von CDDY über verschiedene Rassen hinweg und fand eine Spannweite von 0,02 bis 1,0.
3. Pathologische Bestätigung:Murphy, B.G., Dickinson, P., Marcellin-Little, D.J., Batcher, K., Raverty, S., Bannasch, D. (2019): "Pathologic Features of the Intervertebral Disc in Young Nova Scotia Duck Tolling Retrievers Confirms Chondrodystrophy Degenerative Phenotype Associated With Genotype". Veterinary Pathology.
4. Rasseübergreifende Morphologie-Studie:Bannasch, D., Batcher, K., Leuthard, F., Bannasch, M., Hug, P., Marcellin-Little, D.J., Dickinson, P.J., Drögemüller, M., Drögemüller, C., Leeb, T. (2022): "The Effects of FGF4 Retrogenes on Canine Morphology". Genes (Basel), 13(2), 325. Diese Arbeit unterscheidet CDDY (Chromosom 12) von CDPA (Chromosom 18) und zeigt, dass eine Kopie von CDDY etwa 6 % Beinverkürzung bewirkt, zwei Kopien rund 10 %. Im Gegensatz zu CDPA, das keine bekannten Gesundheitsrisiken birgt, geht CDDY zusätzlich mit Effekten auf die Wirbelsäule einher.
Übersichtsarbeit (Mitautorin, nicht Erstautorin):Bannasch, D.L. (2020, Beitrag zu): "Current Understanding of the Genetics of Intervertebral Disc Degeneration", Frontiers in Veterinary Science. Hier wird betont, dass prospektive Daten zum tatsächlichen IVDD-Risiko durch das CFA12-FGF4-Retrogen noch ausstehen und die Bewertung in stark betroffenen Rassen wie Dackel, Beagle und Französische Bulldogge durch die sehr hohen Allelfrequenzen erschwert wird.















Kommentare